Eine veränderte Welt verändert auch ihre Kinder

09.05.2002, Bersenbrücker Kreisblatt
Von Elisabeth Gadeberg

Ein Buch zu ADS von Dr. Eckhard und Heidrun Schiffer
Quakenbrück

"Am Ende" ist das erste Kapitel des neuen Buches von Dr. Eckhard und Heidrun Schiffer überschrieben. "Am Ende" gleich zu Anfang von "Nachdenken über den Zappelphilipp - ADS: Beweg-Gründe und Hilfen" ist gleichsam Programm: "Am Ende" kann zum neuen Anfang werden.

Ein neuer Anfang, ein Stück Hoffnung für betroffene Eltern und Kinder. Eckhard und Heidrun Schiffer machen Hoffnung und Mut. Dass beide Autoren aus der Praxis kommen - Dr. Eckhard Schiffer ist Arzt und Psychotherapeut, Heidrun Schiffer Grundschullehrerin - macht das Buch um so spannender und glaubwürdiger.
"Am Ende" ist die Mutter von Florian, einem Zappelphilipp, wie er im Buche steht. -Konfrontiert mit allen negativen Folgeerscheinungen dessen, was als ADS definiert wird, ist sie erleichtert, als ein Medikament endlich wirksam hilft: Ritalln. Dennoch plagen leise Zweifel sie weiter. Medikamente "lebenslänglich" für Florian?
Stück für Stück spulen nun die beiden Autoren den Faden vom "Ende" her durch ein Labyrinth an Thesen und Theorien wieder auf, beginnend bei einer bisher kaum gestellten Frage:
Was sind die Gründe dafür, dass sich die Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADS) In den letzten Jahren nahezu epidemieartig ausgebreitet zu haben scheint? Noch In den 70er Jahren nämlich war das Thema "kein Thema". Dazu wurde es erst Mitte bis Ende der 90er Jahre. Erstaunlich insbesondere vor dem Hintergrund der vielfach vertretenen Ansicht, dass ADS auf genetische Defekte zurückzuführen sei.

Weniger ist mehr im Kinderzimmer

Störungen des Hirnstoffwechsels ist denn auch ein ausführliches Kapitel des Buches gewidmet. Demnach können aber auch organische Abläufe In den Zellen durch psychosoziale Erfahrungen beeinflusst, gestört oder gefördert werden, insbesondere während seelisch und himblologisch empfindlicher Phasen wie kurz nach der Geburt, im Zeltraum der Einschulung oder der Pubertät.
Angesichts solchen nachweisbaren wechselseitigen Einflusses himblologischer und sozialer Zusammenhänge kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Verhaltenswelsen, wie sie ADS zugeordnet werden, im Zusammenhang stehen mit gesellschaftlichen Veränderungen und entsprechend beeinflussbar sind.
Eltern sind dem Phänomen nicht hilflos ausgeliefert, sondern können schon vorbeugend (präventiv) aktiv werden.
Salutogenese statt Fehlerfahndung, Prävention nicht nur auf dem Gebiet der körperlichen, sondern auch der seelischen Gesundheit. Auch Kinderseelen brauchen eine gesunde "Ernährung". Es gilt Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder sich frei entfalten, Ihre Persönlichkeit entwickeln können, in der sie sich bewegen. Ihre Welt im wahrsten Sinne "begreifen", in der sie kreativ sein, eigene innere Bilder entwickeln und zur Sprache bringen dürfen, ohne mit visuellen und akustischen Reizen überflutet zu werden.
ADS-Kinder "antworten" auf den Druck und die Zwänge einer leistungsorientierten Umwelt, In der sie meinen, nur noch wahrgenommen werden, wenn sie aus dem Rahmen fallen, sehr laut oder sehr leise werden.

Eckhard und Heidrun Schiffer machen Kindern, Eltern und Lehrern Hoffnung und Mut. Mut zur Gegen-Bewegung, in Kinderzimmer, Kindergarten und Schule. Viele praktische Beispiele, von der Gute-Nacht-Geschichte über gemeinsames "konkurrenzloses" Spiel bis hin zum kreativen Kunstunterricht leisten wertvolle Hilfe über eine nicht immer, aber dann vielleicht Immer öfter vermeidbare medikamentöse Therapie hinaus. Maßstab der Gesellschaft muss das Wohlergehen Ihrer Kinder, nicht das der Pharmaindustrie sein.

Schiffer, E., Schiffer, H.: "Nachdenken über Zappelphilipp - ADS: Beweg-Gründe und Hilfen"
2002 Beltz Verlag, Weinheim.Basel
131 Seiten, Euro 12
ISBN 3-407-22844-9

[ zurück ]